Dem Alkoholmissbrauch von Kindern und Jugendlichen mit umfassenden Präventionskonzepten begegnen!
29.01.2009: Alkohol gehört seit Jahrtausenden zum gesellschaftlichen Leben. Alarmismus bewirkt bei jungen TrinkerInnen deswegen häufig das Gegenteil. Nach dem Motto: "Bei so viel Suff in der Gesellschaft, dürfen wir doch auch." BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN nehmen verantwortungslosen Alkoholkonsum - nicht nur bei Jugendlichen! - ernst. Endlich auf die Agenda gehört aber ehrlicherweise die Frage: "Wer profitiert vom Massensuff?"
Das Abgeordnetenhaus wolle beschließen:
Exzessiver Alkoholkonsum von Kindern und Jugendlichen ist Teil eines gesamtgesellschaftlichen Problems und muss als solches konsequent im Dialog mit und unter Einbindung aller beteiligten gesellschaftlichen Gruppen angegangen werden. Das Verbot von Alkoholkonsum auf öffentlichen Plätzen ist keine Lösung, sondern verschiebt die Probleme lediglich räumlich. Daraus folgt im Einzelnen:
· Der Senat soll gemeinsam mit den Bezirken nach Lösungen jenseits von Alkoholkonsumverboten suchen. Dabei müssen partizipative Nutzungsmodelle mit allen Beteiligten - den Jugendlichen selbst, Anwohnervertretungen, Streetworkern, Platz-/QuartiersmangerInnen etc. - entwickelt werden, die die Jugendlichen mitgestalten und deren Regeln sie sich selbstverantwortlich einzuhalten verpflichten.
· Präventive Angebote und Maßnahmen gegen Alkoholmissbrauch sind in enger Zusammenarbeit mit den kommunalen AkteurInnen auszubauen und zu verstärken. Strukturell soll der Fokus hier auf der systematischen und dauerhaften Einbettung von Präventionsmaßnahmen in die unterschiedlichen Institutionen und Gremien wie Jugendeinrichtungen, Sportvereine etc. liegen. Inhaltlich gilt es, neben Maßnahmen die direkt bei der jugendlichen Zielgruppe ansetzen auch bei Eltern und Erwachsenen allgemein ein stärkeres Bewußtsein für die Thematik "Alkoholmissbrauch" zu schaffen. Als Leitlinie sollen die proaktiven Bausteine des bundesweit erprobten Projekts HaLT dienen, das als europäisches Best-Practice der Alkoholprävention bewertet wurde.
· In allen Schulen sind Projekte wie der bereits praktizierte Mitmachparcours zur Alkoholprävention "Volle Pulle Leben - auch ohne Alkohol" in der Klassenstufe 6 zum flächendeckendenden Pflichtangebot auszubauen.
· Der Senat soll Maßnahmen einleiten, um einen Finanzfonds für Präventions- und Interventionsmaßnahmen gegen übermäßigen Alkoholkonsum in Deutschland zu entwickeln. An diesem unabhängigen Fonds sollten sich alle alkoholproduzierenden Unternehmen und insbesondere die Unternehmen, die alkoholische Getränke gezielt für die junge Zielgruppe konzipieren und bewerben finanziell beteiligen.
Dem Abgeordnetenhaus ist bis zum 31.7.2009 zu berichten.
Begründung:
Das derzeit vor allem medial vermittelte Bild einer Problemgeneration von Jugendlichen geht an der Realität vorbei: Die Mehrzahl trinkt moderat oder gar keinen Alkohol und stellt sich den vielfältigen Herausforderungen an ihre Generation. Prävention beinhaltet daher immer auch die Wertschätzung und Anerkennung der Leistungen, Belastungen und Bedürfnisse von Jugendlichen in unserer Gesellschaft und die entsprechende Gestaltung ihrer Lebenswelt.
Eine Präventionskampagne, die sich an das Gros der Jugendlichen mit der Botschaft richtet, dass übermäßiger Alkoholkonsum "uncool" und somit nicht erstrebenswert ist, greift daher zum einen zu kurz und verkennt zum anderen die Problemlagen: Alkoholmissbrauch von Kindern und Jugendlichen ist Spiegel einer gesamtgesellschaftlichen Schieflage. Nach wie vor ist Alkohol über alle gesellschaftlichen Schichten hinweg eine allgegenwärtige, akzeptierte und positiv besetzte Droge. Die Grenzen zum Missbrauch sind fließend, Suchtprobleme nach wie vor ein Tabu. So wird das Trinkverbot auf öffentlichen Plätzen auf wenig Einsicht bei Jugendlichen stoßen, die täglich mehr oder weniger exzessiven Alkoholkonsum von Erwachsenen in gastronomischen Einrichtungen oder anderen Orts beobachten können. Auch darf ein Alkoholverbot die notwendige Auseinandersetzung mit den Jugendlichen über ihre Rechte und Pflichten bei der Nutzung des öffentlichen Raums nicht ersetzen. Das Verbot von Alkohol- und Tabakkonsum auf Spielplätzen ist sinnvoll, da von Scherbenresten, Zigarettenkippen und ähnlichen Rückständen unmittelbare Gefahr für spielende Kinder ausgeht und Spielplätze exklusiver Raum für Kinder sind.
Berlin hat mit dem Bundesmodellprojekt HaLT bereits in zwei Bezirken positive Erfahrungen gemacht. Allerdings soll ausschließlich der reaktive Teil des Konzepts auf die gesamte Stadt ausgeweitet werden: NachHaLT ist ein Angebot speziell für Kinder und Jugendliche, die mit einer Alkoholintoxikation ins Krankenhaus eingeliefert wurden. Der proaktive Ansatz des HaLT-Konzepts ist aber im Sinne der Nachhaltigkeit mindestens ebenso wichtig, da er durch die Implementierung von Maßnahmen auf den unterschiedlichsten Ebenen gesamtgesellschaftlich auf einen bewussteren Umgang mit Alkohol abzielt. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Suchtverhalten sozial vererbt wird. Positiv gewendet heißt diese Erkenntnis, dass das bewusste Vorleben von verantwortungsvollem Umgang mit Alkohol verhaltensprägenden Vorbildcharakter für die eigenen Kinder hat. Ohne einen strikten Abstinenzansatz zu propagieren, bietet HaLT hier niedrigschwellige und praxisorientierte Ansätze. Das HaLT-Konzept integriert Präventionsmaßnahmen systematisch in die Praxis von Schulen, Ordnungsämtern, Jugendreinrichtungen etc. Darüber hinaus enthält es Angebote für Elternarbeit, Leitfäden für Sport- und sonstige Vereine, Seminare für Verkaufspersonal im Einzelhandel zur Vermittlung von Fakten und Handlungssicherheit, Selbstverpflichtung von Kommunen im Umgang mit Alkohol und ähnliches. Erfahrungen mit HaLT haben gezeigt, dass diese Einbindung von NetzwerkpartnerInnen aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen zu hoher Nachhaltigkeit und Reichweite der Maßnahmen bei vergleichsweise geringem Personaleinsatz führt.
Grundsätzlich muss die Wirtschaft mehr Verantwortung für die gesamtgesellschaftlichen Schäden übernehmen, die durch ihr aggressives Verhalten entstehen. In anderen Ländern ist ein verantwortungsvolleres Unternehmensverhalten verbreiteter. So statten insbesondere Kreditinstitute und Banken in Belgien einen Fonds mit Geldmitteln aus, aus dem u.a. Schuldnerberatungs- oder Präventionsmaßnahmen gegen Überschuldung finanziert werden. Einen ähnliches Modell wollen wir auch für die Alkoholwirtschaft in Deutschland etablieren. Alkohol ist die gesellschaftlich anerkannteste und zugleich eine gefährliche Droge, die zu Abhängigkeiten und gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen kann. Wir wollen nicht, dass die Unternehmen sich allen negativen Folgen ihres Wirtschaftens entziehen können und im Gegenzug noch mit lupenreiner Weste als Sponsoren von großen Events auftreten. Wer alkoholische Getränke gezielt für Kinder und Jugendliche geschmacklich konzipiert, gestaltet und aggressiv bewirbt, der sollte auch in die Diskussion um gesellschaftliche Verantwortung und Konsequenzen stärker einbezogen werden.
Clara Herrmann * Benedikt Lux