Interview für den Südweststachel

1) Bene, Du bist 24 Jahre alt und damit ein junger Grüner. Was machst Du anders als die Alten?

Hoffentlich meinen Hochschulabschluss. Nein, im Ernst: Die Alten als einheitliche Masse gibt es nicht. Und ich bin nun seit fast 10 Jahren bei den Grünen. 5 Jahre davon in Ämtern der Grünen Jugend. Da mach ich nicht mehr alles anders. Nur die Perspektive ist als jüngerer Mensch eine andere. Viele Probleme sind drängender; es bringt nichts, sie hinwegzureden. Der Klimawandel - die Tage für alle erlebbar - Umweltbelastungen und ihre Auswirkungen auf den Menschen, eine Bildungslandschaft, die immer mehr Leute auf der Strecke lässt, die Ohnmacht von Politik und Bevölkerung gegenüber bestimmten Entwicklungen: Das sind Dinge, die junge Menschen heute stärker wahrnehmen, weil sie die noch größeren und komplizierteren Probleme von morgen zu bewältigen haben. Die Grünen übernahmen dabei schon immer eine Voreiterrolle; damals wurden sie von der Mehrheit als störend empfunden; heute finden sich Anhänger quer in allen gesellschaftlichen Bereichen, gerade weil wir mit der ökologischen Modernisierung, ob in Berlin oder in Deutschland nicht mehr warten können.

2) Geboren bist Du in Steglitz: Was hat Dich in Deiner Schulzeit am meisten im Bezirk geärgert?

Die zu starren Strukturen. Zwei Freunde von mir, beides intelligente Jungs, haben damals auf der Goethe-Oberschule das Probehalbjahr nicht bestanden. Ausschlaggebend waren Probleme im Elternhaus. Der eine hat keine zweite Chance mehr bekommen, schuftet jetzt bei McDonalds. Der andere musste ewig kämpfen und hat Jahre dafür drauf gegeben, eine gute Ausbildungsmöglichkeit zu erhalten. Andere, die nicht unbedingt mehr Fähigkeiten besaßen, aber aus einem guten Elternhaus kamen, haben bestanden. Das passiert natürlich auch in anderen Bezirken. In Steglitz-Zehlendorf sollten wir eigentlich wegen der guten Qualität in unseren Schulen weiter sein.

3) Und was fandest Du toll?

Die Parks, die Seen und auch die Tankstellenkultur. Nicht zum Spritkauf, sondern abends, sich dort mit Freunden treffen, was trinken und über die Welt philosophieren. Super Einrichtungen waren auch das Café Chaos, das es leider nicht mehr gibt, das Haus der Jugend, wo echt gute Bands ihre Geburtsstunde erlebten und die Bandwettbewerbe im Albert-Schweitzer-Heim. Eine gute Sache war auch der Anschluss von Lichterfelde Ost an die S25, im Jahr 1995 und nun der Ausbau zum Regionalbahnhof. Das hat den Kiez nach vorne gebracht. Überhaupt bieten die vielen lokalen Zentren, mit klein- und mittelständischen Strukturen in Steglitz-Zehlendorf mehr als die riesigen Einkaufszentren, die ohnehin nichts Neues mehr zu bieten haben.

4) Steglitz-Zehlendorf steht im Ruf, ein etwas biederer Beamten- und Seniorenbezirk zu sein. Was steht auf Deiner Agenda für Steglitz-Zehlendorf?

Zum Szenebezirk wird sich der Südwesten meinetwegen nicht entwickeln. Aber der Ruf als reicher, bürgerlicher Bezirk ist nicht gleich Realität. Wir haben in Zehlendorf-Süd und insbesondere in Lichterfelde Süd, also in meinem Wahlkreis, einen ernstzunehmenden Anstieg von Armut, Gewalt und sozialer Ausgrenzung. Da muss man jetzt gegensteuern, es darf keine Gegenden geben, in die sich Menschen nicht mehr trauen. Dazu wäre es gut, die jahrzehntelang vorherrschende CDU im Bezirk abzulösen. Korruption, Hände in den Schoß legen und Günstlingswirtschaft, das verbinde ich mit der CDU. Ein Wunder, dass sie überhaupt noch eine tragende Rolle spielt.

5) Du bist 24 Jahre und wirst durch die Landesliste sicher in das Abgeordnetenhaus einziehen. Wolltest Du schon immer Politiker werden? Was ist Dein "eigentlicher" Berufswunsch?

In diesen jungen Jahren Verantwortung zu übernehmen, ist schon eine tolle Herausforderung. Nur, habe ich bereits zu viel Politik gemacht, um davon beruflich abhängig sein zu wollen. Deswegen ist es mir auch wichtig, meine juristische Ausbildung zu beenden. Jura ist ein gutes Handwerkszeug für die Politik. So kann ich jetzt erstmal weitere fünf Jahre Politik machen und danach mal schauen.

6) Jenseits aller Bezirksverbundenheit - mit welchen Themen möchtest Du Dich im Abgeordnetenhaus beschäftigen?

Kandidiert habe ich für die Bereiche Innen und Recht. Da sind wir mit unserem Fraktionsvorsitzenden Volker Ratzmann sehr gut, aber personell zu gering aufgestellt, wenn man sich die Bedeutung der Innen-, Rechts- und Justizpolitik für das Bundesland Berlin anschaut. Außerdem möchte ich als katholisch Erzogener, den Draht zu den Kirchen halten, auch wenn das für uns und die Kirchen in vielen Fragen nicht leicht ist. Als Fußballfan, wir haben ja mit dem VFB Lichterfelde die größte Jugendabteilung Europas bei uns im Bezirk und Freund der Berliner Band- und Clublandschaft, werden auch Sport- und Teilbereiche der Kulturpolitik auf dem Programm stehen.

7) Zum ersten Mal können 16- und 17jährige Bezirkspolitiker in das Bezirksaparlament, die Bezirksverordnetenversammlung, wählen. Warum sollten die 16- und 17jährigen wählen gehen?

Weil sonst die Anderen für sie mitbestimmen. Keinem Jugendlichen ist es recht, wenn über ihren oder seinen Kopf hinwegentschieden wird. Um Mitbestimmung, Teilhabe und Lust auf Demokratie möglich zu machen, ist aber mehr nötig als ein amputiertes Wahlrecht. Das fängt ja schon damit an, dass es keinen wirklichen Grund gibt, weshalb die 16- und 17-jährigen nicht gleich das Abgeordnetenhaus mitwählen. Umso wichtiger ist es, dass alle jungen Leute wählen gehen, um zu zeigen, dass das Wahlrecht nicht überflüssig ist.

8) Du stehst für "Einmischung" und "Mitmachen", du bist seit Jahren bei der "Grünen Jugend" aktiv. Bei welchen Politikfeldern freust Du Dich, wenn Jugendliche und junge Erwachsene aktiv werden?

Es geht ja nicht darum, dass ich mich freue, sonst würden sich alle Leute politisch oder gesellschaftlich betätigen. Aktiv werden kann man in jedem Politikfeld, solange Herz, Interesse und Verstand dabei sind. Ich sag ja nichts Neues, aber Geduld, Ausdauer und ein klares Ziel sind Voraussetzungen, um in der Politik nicht unterzugehen.

9) Du willst "gerechte Politik für jung und alt" machen. Was verstehst Du darunter? Wie wichtig ist Dir das Konzept "Gerechtigkeit"?

Für mich ist Gerechtigkeit alles. Es gibt schwer aufzulösende Widersprüche, etwa zwischen Leistungsgerechtigkeit und sozialer Gerechtigkeit, ökologischer Gerechtigkeit und internationaler Gerechtigkeit. Anspruch unserer Politik ist, diese offenkundigen Widersprüche zu harmonisieren und auszugleichen. Beispiele für Gerechtigkeitsvergessenheit liefern die jungen Konservativen und Liberalen am laufenden Meter. Sie wollen den Alten an das Tafelsilber; sie wollen keine Hüftgelenke mehr für alte Menschen finanzieren. Das hat mich geprägt. Statt sich Gedanken zu machen, wie ein Altern in Würde möglich ist, üben sie sich im Generationenkampf. Trotzdem darf man sich nichts Vormachen: Es wird auf Dauer weniger geben für alle, ob in Steglitz-Zehlendorf, Berlin oder Deutschland. Das heißt aber nicht, dass in der allgemeinen Rezession der bestehende Wohlstand gerechter verteilt werden kann und muss. Das ist nicht wirklich einfach, aber den Kopf in den Sand stecken, können andere.

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