Junge Leute erobern die Politik
Das Abgeordnetenhaus ist das jüngste Parlament der Republik. Der Idealismus der Nachwuchspolitiker ist nicht immer bequem für die lang gedienten Polit-Funktionäre im Preußischen Landtag.
Es wird ein grosser Tag werden für Clara Herrmann, 21, Benjamin Lux, 25, Sebastian Czaja, 23, und Ellen Haußdörfer, 26. Erst vor drei Wochen sind sie zum ersten Mal in das Berliner Abgeordnetenhaus gewählt worden. Und bei der konstituierenden Sitzung des Parlaments am 26. Oktober sollen Sie bereits eine Hauptrolle spielen.
Gemeinsam mit Alterspräsident Uwe Lehmann-Brauns von der CDU werden sie als Beisitzer die erste Sitzung im Preußischen Landtag eröffnen und feierlich die Namen aller 149 Abgeordneten verlesen. Danach werden sich die vier dann wohl zumindest im Kreis ihrer Politikerkollegen schlagartig einen Namen gemacht haben. Denn sie sind die jüngsten Abgeordneten des neuen Parlaments - vielleicht des jüngsten Berliner Abgeordnetenhauses aller Zeiten.
14 Politiker sind 30 Jahre und jünger, das sind 9,4 Prozent der Abgeordneten. Der Altersschnitt insgesamt sank noch einmal um acht Monate auf nunmehr 45,2 Jahre. So jugendlich ist kein anderes Landesparlament in der Bundesrepublik. Die meisten Landtage haben zwar insgesamt deutlich weniger Mitglieder als das Berliner Halbtagsparlament, das vielleicht auch deshalb mehr Chancen für die ganz Jungen bietet. Trotzdem aber fallen die Unterschiede so gravierend aus, dass man getrost von einem Phänomen sprechen kann.
In den ostdeutschen Ländern beträgt der Anteil der Jungpolitiker unter 30 Jahren im Durchschnitt immerhin fünf Prozent, auf fast zehn Prozent wie in Berlin kommt aber kein Landtag. In Bayern und Hessen gibt es überhaupt keine Abgeordneten, die später als 1976 geboren wurden, in Baden-Württemberg gerade einmal einen. Diese Landtage haben deutlich mehr Senioren als Nachwuchskräfte im Angebot. Und das Durchschnittsalter liegt in den meisten Landtagen eher bei 50 Jahren als darunter. Nur die kleine Bremer Bürgerschaft war bei ihrer Konstituierung mit 45,76 Jahren Durchschnittsalter ähnlich jung wie das neue Berliner Abgeordnetenhaus - aber das ist auch schon wieder über drei Jahre her.
Jugendweltmeister also. Für Benedikt Lux, den alle nur Bene Lux nennen, weil das fast schon so klingt wie eine eingeführte Polit-Marke, ist das eine gute Nachricht. "Als junger Mensch kann man die Belange der Jugendlichen einfach authentischer vertreten. Berlin ist eine junge Stadt, und junge Leute haben einfach spezifische Anliegen", sagt Lux. Ob damit unbedingt nur die Freigabe von Cannabis gemeint ist, für die Lux vor ein paar Monaten in einer Spaßaktion mit freizügig entblößtem Oberkörper warb, sei dahingestellt. Jedenfalls fühlt der frisch examinierte Jurist sich schon aufgrund seines Alters als Anwalt der jungen urbanen Schicht zwischen Uni und Kreativjobs. Aber auch um die, "die ganz außen stehen" will "Bene" sich kümmern, um Flüchtlinge, Arme, Strafgefangene, Obdachlose. "Vielleicht kann ich hier neue Perspektiven aufzeigen - ohne die Verzweiflung und den frustrierten Realismus, den viele Politiker mitbringen, die schon lange dabei sind." Idealismus kann man so eine Haltung nennen, oder auch jugendlichen Überschwang. Bequem ist das nicht für die lang gedienten Polit-Funktionäre im Preußischen Landtag.
Zumindest bei den Grünen hat das Prinzip der permanenten Frischluftzufuhr per Jugendquote aber bereits Tradition. "Ich will verändern und gestalten", sagt auch Clara Herrmann. Mit 21 ist die junge Grüne das Nesthäkchen im Parlament. Doch unerfahren ist sie nicht. Mit 17 in die Partei, dann gleich in den Landesvorstand der Grünen Jugend, Vorstandssprecherin, Parteirat - Clara Hermann hat eine rasante Parteikarriere hinter sich und ist es gewohnt, überall die Jüngste zu sein. Allerdings ist ihr auch bewusst, dass sie in ihren Bereichen Bildung und Rechtsextremismus hart arbeiten muss, um sich ein Standing zu erarbeiten, "auf Augenhöhe zu sein" mit den anderen. "Jung zu sein ist kein Ausschlusskriterium", sagt sie. "Ich finde es wichtig zu zeigen, dass man als junger Mensch dabei sein kann. Dass es auch eine Bereicherung ist für den Politikstil der Fraktion." Einen sehr eigenwilligen Stil verfolgte auch Lars Oberg, 27, im Wahlkampf. Der notorische Baskenmützenträger aus Tempelhof gab sein markantes Gesicht zur Verunstaltung frei, ganz nach dem Motto: "Mal dir deinen Abgeordneten". Über 100 kreativ unausgelastete Bürger machten sich über seine Kandidatenplakate her. Die drei besten Kunstwerke wurden am Ende plakatiert. Oberg brachte die Spaßaktion enorme Bekanntheit und das Direktmandat. Jetzt muss sich der Referent im Bundesverkehrsministerium den Mühen der Ebene widmen - Wissenschaft, Hochschule und Wirtschaft. Ihm schwant bereits: "Das jugendliche Alter allein macht noch keinen guten Abgeordneten. Aber die Herangehensweise ist vielleicht etwas unkonventioneller."
Manchmal zu unkonventionell, wie die FDP mit ihrem jüngsten Neuzuwachs, Sebastian Czaja, im vergangenen Jahr leidvoll erfuhr. Der Kommunalpolitiker aus Marzahn-Hellersdorf hat seinen Lokalpatriotismus damals so wörtlich genommen, dass er dem renommierten Kinderhilfswerk "Arche" "Rufmord am Bezirk" vorwarf: Schließlich trage die Arche den Mythos vom Armenhaus Hellersdorf in die ganze Republik hinaus. Die Heftigkeit der Reaktionen erschreckte den 23-Jährigen damals ziemlich. Inzwischen gibt er sich moderater. "Jedem, der sich für diesen Bezirk gesellschaftlich engagiert, tut es weh, wenn er so etwas hört oder liest. Deshalb habe ich in der Hitze des Gefechts im ersten Moment zu leidenschaftlich und zugespitzt formuliert. Ich habe mich dafür ausdrücklich entschuldigt."
In seinem Bezirk ist Czaja, der bis zu seiner Parlamentskandidatur im Bezirk auch Fraktionschef war, inzwischen eine feste politische Größe. Auch wenn er erst einmal die Partei wechseln musste: Bei der örtlichen CDU nämlich ist Bruder Mario der Platzhirsch. Erfolgreich sind beide. Czajas Geheimnis: ein konsequent marktwirtschaftlicher Ansatz. "Als Abgeordneter muss man Dienstleister sein für die Bürger. Da sollte man sich um alles kümmern: vom Hundekot bis zum Heckenschnitt im öffentlichen Straßenraum." Wenn man mitgestalten und Verantwortung tragen wolle, müsse man eben in erster Linie die Probleme der Wähler lösen. "Anders ist die Politikerverdrossenheit nicht zu bekämpfen." Auf diese Weise will er sich als jugendpolitischer Sprecher seiner Fraktion auch um die Sorgen und Nöte seiner Generation kümmern. "Zielgruppenorientiert kommunizieren" nennt Czaja das im schönsten Werbersprech. Für ihn wird die konstituierende Sitzung am 26. Oktober jedenfalls etwas ganz Besonderes. Die "Erfurcht vor dem Hohen Hause" und der "Verantwortung, die man als junger Mensch dann trägt", spürt er schon sehr. "Dieser Tag bedeutet mir sehr viel."